Fleischverbot: Lust und Frust, Askese und Doppelmoral

Gebote und Verbote jeder Art (seien es religiöse Gebote wie das Zölibat oder die eheliche Treue, Verbote zur Sicherung des Straßenverkehrs oder Regeln für öffentliche Räume wie ein Rauchverbot) haben seit jeher Karikaturisten provoziert. Ihr Spott richtet sich nicht nur gegen die Verbote und deren Prediger („Moralapostel“), sondern ebenso gegen diejenigen, die das Verbot scheinheilig überschreiten oder nach eigenem Gutdünken umdeuten.

Vegetarianer-Congress (Vegetarian congress). Illustration and possibly also the poem by Carl von Stur (1840–1905), 1886. The man standing on the left side is meant to be Friedrich Eckstein, the president of the congress committee; on the left side we see Ernst Hering, who was one of the keynote speakers of the historical congress.

Vegetarianer-Congress. Carl von Stur (1840–1905), 1886.

Eine frühe Karikatur aus der österreichischen Zeitung Der Floh zeigt einen Vegetarianer-Congress, der mit einem Festessen für fleischlose Ernährung wirbt. Im zugehörigen Gedicht preist einer der Hauptredner, der hier karikierte Ernst Hering, voll des Selbstlobs das vegetarische Menü. Seine tatsächlich gehaltene Rede trug den Titel „Über die Bedeutung des Vegetarianismus für die Erhaltung der Volkskraft“.

Eine der Pointen steckt im Bild des Rindes, das wie ein goldenes Kalb als Ideal über allem schwebt. Eben das Rind, das als Kost verschmäht wird, wurde als Pflanzenfresser und Wiederkäuer zum Vorbild auserkoren:

Zum Teufel das Fleisch! Zu Teufel das Aas!
Wir lassen es dem Schinder
Und leben einfach naturgemäß
Wie unsere Muster, die – Rinder!

Das Feindbild sind hingegen die Karnivoren. Jedoch brechen auch die erklärten Vegetarier ihre Prinzipien – in ihrer Hypokrisie und Doppelmoral besteht die zweite Pointe:

Die Carnivoren, das ekle Gezücht,
Verschwender sind’s und Prasser,
Wir trinken nur, wenn’s Niemand sieht,
Auch Pilsner bisweilen statt Wasser.

Eine dritte Pointe bringt schließlich der „Chorus der Kellner“ am Ende des Gedichts, die sich darüber freuen, dass ihnen der Braten bleibt, wenn die Herrschaften nur noch „die Zuspeis“ (Beilagen) bestellen.

Tatsächlich wurde den Vegetariern bisweilen Scheinheiligkeit vorgeworfen. Das lag zum einen sicher an ihrem oft dogmatischen Auftreten, das die Durchsetzung ihrer Reformbestrebungen vielleicht eher behinderte, zum anderen daran, dass einige Vegetarierinnen und Vegetraier einen radikalen Fleischverzicht nicht als oberstes Gebot ansahen, da eine strikte Reglementierung der Ernährung in ihren Augen nicht das Kernelement ihres reformistischen Weltbildes war. Bezeichnend für diese unterschiedlichen Auslegungen ist, dass immer wieder die wenig plausible These vertreten wurde, „Vegetarianer“ leite sich nicht von „vegetables“ oder „Vegetabilien“ her, sondern vom lateinischen „vegetus“, was „munter“ oder „lebendig“ bedeutet und somit keinen direkten Bezug zur Ernährung hätte. So ist sogar davon auszugehen, dass es für einige Mitglieder der Vereine keinen Widerspruch darstellte, gelegentlich Fleisch zu essen, wenn auch die fleischlose Ernährung als moralisch höherwertig angesehen wurde (Barlösius 1997, 8).

Seit Aufkommen und Ausbreitung von Vegetarier-Vereinen und den von ihnen organisierten Veranstaltungen wurden ihr missionarischer Gestus und ihr moralischer Überlegenheits­anspruch verhöhnt.

Unangenehme Neugierde (Painful curiosity). Henry Albrecht (1857–1909), 1901.

Unangenehme Neugierde. Henry Albrecht (1857–1909), 1901.

Der Text zum Bild:

Unangenehme Neugierde. Ein Professor, der Vegetarianer war, ging in die Wüste und hielt den Kannibalen eine Rede über die Verwerflichkeit des Fleischessens. – Diese hörten gläubig die Rede des Herrn Professors an und brachten ihm am Schlusse derselben eine großartige Ovation. „Nicht wahr“, sagte er, „Ihr werdet meinen Rath befolgen?“ – „Wir schwören Dir’s“, rufen Alle – „aber noch einmal, und zwar heute zum letzten Mal, wollen wir Fleisch essen, damit wir auch wissen, wie das Fleisch eines Vegetarianers schmeckt!“

So zeigt eine Karikatur einen Professor und Vegetarier im Missionarsgewand mit erhobenem Zeigefinger umringt von Kannibalen, die während seiner Moralpredigt schon ihre Messer wetzen und den Kochtopf für ihn heranschaffen. Als er ihnen das Versprechen abnehmen will, fortan kein Fleisch mehr anzurühren, kündigen sie ihm einen allerletzten karnivoren Festschmaus an – mit der schlauen Begründung und Ausrede, wissen zu müssen, wie ein Vegetarier schmecke. Sein Eifer hat dem Professor also letztendlich sehr geschadet. Die Karikatur ist allerdings komplexer als auf den ersten Blick ersichtlich: Zwar wird sein moralischer Eifer verspottet, zugleich aber ist der Vegetarier der Zivilisierte unter all den Karnivoren. Analog werden von ihm wohl auch die heimischen Fleischesser in der deutschen Gesellschaft um 1900 als Barbaren begriffen und den edlen Vegetariern gegenüber­gestellt. Aus heutiger Perspektive wirkt diese Karikatur rassistisch: Sie zeigt uns, wie unbedarft damals Künstler und Zeitschriftenredaktionen aus allen politischen Lagern unter dem Deckmantel des Humors kulturelle Vorurteile mitverbreiteten, oft ohne zu berücksichtigen oder einschätzen zu können, welche Konsequenzen es hat, wenn sich solche Bilder des Anderen ins kulturelle Gedächtnis einprägen.

Nicht nur die Prinzipien und Regeln der Vegetarier werden zur Zielscheibe des Spottes, sondern auch das Vereinswesen. Die Erwartungen an die Vereinsmitglieder werden als zu rigide belächelt, wie eine Karikatur mit der Überschrift Zu streng schon im Titel verrät.

Zu streng (Too rigid). Hermann Schlittgen (1859–1930), 1894.

Zu streng. Hermann Schlittgen (1859–1930), 1894.

 

„Der Meyer ist ja aus Euerem vegetarischen Verein ausgestoßen worden – weshalb?“ – „Er ist beobachtet worden, wie er vor einem Wurstladen – geschmunzelt hat!“

Der Witz liegt freilich in der maßlos übertriebenen Ahndung des völlig harmlosen ‚Fehlverhaltens‘. Zugleich impliziert die Karikatur, dass eine ‚natürliche‘, ‚angeborene‘ Fleischeslust nicht unterdrück­bar sei.

Auch die Karikatur Schlechte Ausrede gibt schon im Titel vor, wie die Rechtfertigung des ‚ertappten‘, offenbar inkonsequenten Vegetariers zu verstehen ist.

A (zu B, der ein Vegetarianer ist und soeben eine Wurst verzehrt): „So, Herr Kräutelmeier, hab’ ich Sie endlich einmal erwischt!“

B: „Da täuschen Sie sich, – ich ess’ nur den Knoblauch heraus!“

Schlechte Ausrede (Bad excuse). Emil Reinicke (1859–ca. 1942), 1885.

Schlechte Ausrede. Emil Reinicke (1859 – ca. 1942), 1885.

 

Nimmt man hingegen den Vegetarier beim Wort, führt das Herauspicken des Knoblauchs aus einer Wurst alle ethischen und sozialen Argumente für Fleischverzicht ad absurdum – und lässt zugleich erahnen, wie verschroben es auf den Rest der Bevölkerung wirken musste, dass Menschen, die sich das teure und begehrte Fleisch leisten konnten, sich freiwillig auf pflanzliche Kost beschränkten.

Über 30 Jahre später zielt die Pointe in der Karikatur Der vorsichtige Wirt hingegen nicht mehr auf eine vermeintliche Doppelmoral der Vegetarierinnen und Vegetarier, sondern geht davon aus, dass nur einem Vegetarier in der Wurstkammer zu trauen sei. Hier zeigt sich auch, dass der Vegetarismus 1918 keine ungewöhnliche Rarität mehr darstellte.

Der vorsichtige Wirt (The cautious innkeeper). Unknown artist, 1918.

Der vorsichtige Wirt. Unbekannter Künstler, 1918.

 

Wirt (eines Gasthauses im Gebirge, das voll besetzt ist): „Einer von Ihnen muß in der Wurstkammer schlafen, welcher von den Herren ist Vegetarier?“